Reinfelder Bote

Reportagen aus Reinfeld und Nordstormarn

Wer erinnert sich nicht gerne an den Reinfelder Boten, das regionale Mitteilungsblatt für Reinfeld und Nordstormarn?
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REINFELDER BOTE ONLINE

Herausgeber:
Udo Reichle-Röber

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Wir berichten nicht über aktuelle Geschehnisse, sondern bringen Hintergrundberichte zu interessanten Themen und Menschen
in Reinfeld und Nordstormarn.

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Integration trotz Kopftuch?

Ein Interview mit Fatin Hamdoun, der syrischen Geschäftsführerin des Cafe L'Arabica in Reinfeld
zum Thema Migration in Norddeutschland.

Fatin Hamdoun, 1973 in Aleppo / Syrien geboren ist von ihrem zweiten bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr in Kuwait aufgewachsen. Seit 1989 lebt sie in Deutschland. Die Familie wurde während einer touristischen Deutschlandreise von den Kuwaitis ausgewiesen und beantragte daraufhin Asyl, da die Familie nicht nach Syrien zurückkehren konnte.

Nachdem die sechnzehnjährige Elftklässlerin aufgrund fehlender Sprachkenntnisse (damals gab es keine DAZ-Klassen) in einen 7. Jahrgang eingeschult wurde, absolvierte sie später eine Friseurlehre mit Abschluss und war in der Gastronomie tätig. Das Cafe L'Arabica ist ihr erstes Projekt als selbständige Unternehmerin.

Seit ihrem 23. Lebensjahr ist die Mutter dreier Kinder verheiratet und lebt in Lübeck. Als eloquente und selbstbewusste Geschäftsfrau sprach sie mit dem Reinfelder Boten über Tücken und Chancen der Integration, wenn eine muslimische Frau ihr Kopftuch in der Öffentlichkeit trägt.

Sid Fatin, danke dass Du unseren Leserinnen und Lesern einen Einblick in Deine Erfahrungen als Muslima in Norddeutschland gibst. Seit wann trägst Du Dein Kopftuch? Schon immer?
 

Nein, ich habe mich mit 29 Jahren dazu entschlossen, der Tradition meiner Religion zu folgen und ein Kopftuch in der Öffentlichkeit zu tragen. Das geschah aus innerer Überzeugung, ich hatte das Gefühl es sei jetzt einfach an der Zeit. Und um stigmatisierenden Vorurteilen vorzubeugen, ich werde nicht von meinem Mann dazu geszwungen ein Kopftuch zu tragen und ich kann mein freies Leben in dieser demokratischen Gesellschaft fortführen, wie ich will. Sonst hätte ich kaum ein Geschäft eröffnet.
 

Welche Erfahrungen hast Du bezüglich Deiner Integration als offensichtliche Muslima gemacht?

Wichtig ist, dass die Leute wissen: Ein Kopftuch kann ein Gehirn nicht am Arbeiten hindern. Es ist kein Indiz für eine schwache, dumme oder unterdrückte Frau. Und es ist egal, ob eine Frau ein Kopftuch trägt oder nicht. Entscheidend ist nicht, was auf dem Kopf ist, sondern was darinnen ist. Ein Mensch ist aufgrund seines Charakters gut oder schlecht, nicht aufgrund seiner Kleidung oder äußerer Merkmale.

Gab es besonders positive oder negative Reaktionen auf dich?

Ja. Die gab es durchaus. Ich wurde auch schon beleidigt, plump geduzt und aufgrund meiner araabischen Sprache angepöbelt. Je nach Situation habe ich die Provokateure ignoriert oder ihnen deutlich zu verstehen gegeben, dass ihr Benehmen nicht hinnehmbar sei. Ein unverschämter Mann wurde ganz kleinlaut, als ich ihm klar machte, dass er ja nicht einmal fünf Wörter in den Sprachen seiner bevorzugten Urlaubsziele versteht.

Aber meistens erlebe ich keine Anfeindungen, sondern ehrliches Interesse. Ich versuche den Menschen zu verdeutlichen, ich bin Muslima. Ich bin nicht der Islam. Es macht keinen Sinn, den Islam durch mich sehen zu wollen, ich bin nur eine von vielen. Und es ist doch Sache jeder einzelnen, was sie tut und was sie trägt. Oder nicht?

Integration und Religion. Welche Chancen und Vorteile siehst du im Tragen eines Kopftuches für dich?

Für viele Flüchtlingsfrauen ist durch die Prägung ihrer religiösen Traditionen eine Frau mit Kopftuch etwas Vertrautes, jemand dem man sich nicht erklären muss, ein Mensch der mich versteht. Beispielsweise bei angstbesetzten Situationen wie im Krankenhaus. Man fühlt sich bei Leuten mit gleicher Religionszugehörigkeit doch irgendwie sicherer.
 

Ich bin zum Beispiel Dolmetscherin bei "Frauen helfen Frauen" und übersetze für Araberinnen in Krisensituationen. Durch mein Kopftuch gebe ich ihnen automatisch eine gewissen Form von Sicherheit und Vertrauen.

Das kann ich gut verstehen, in der Seelsorge ist ein Pastor im Talar auch tröstlicher oder vertrauenserweckender als im Jogging-Anzug.

Oder nimm die Signalwirkung eines Kopftuches bspw. im Restaurant. Ein aufmerksamer Kellner wies mich mal auf Speisen hin, die haram sind, weil sie mit Alkohol zubereitet wurden. Hätte er nicht getan, wenn er mich nicht als Muslima erkannt hätte.

Siehst du ein Kopftuch also nicht als Integrationshemmnis an?

Nein. Absolut nicht. Entscheidend für eine gelungene Integration sind gute Sprachkenntnisse. Auch die norddeutsche Gesellschaft kann gut mit Kopftuchträgerinnen umgehen, aber nicht gut mit Menschen, mit denen man sich nicht verständigen kann. Weder bei der Wohnungs-, noch bei der Arbeitssuche.

Ferner muss ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten den deutschen Gepflogenheiten anpassen. Wir leben in einem nichtislamischen Land, das Beachten von Sitten und Höflichkeit (z.B. Handschlag) schadet weder mir noch meinem Islam. Natürlich gibt es Schamgrenzen in der Öffentlichkeit, das hat aber auch mit gegenseitigem Respekt voreinander und gutem Leumund zu tun. Beide Seiten müssen aufeinander zugehen. Integration ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit.

Ich finde es wichtig, dass man den Menschen ansieht. Nicht sein Klischee. Nicht "den" Christen, Moslem oder Juden, nicht "den" Deutschen oder Araber, sondern den konkreten Menschen, der mir gegenübersteht.

Was magst du an Deutschland besonders?

Das Sozialwesen. Altersversorgung und Krankenversicherung. Deutsche sind sehr organisiert, sie sind ehrlich und direkt, verlässlich.

Was könnte in Deutschland besser sein?

Etwas mehr höfliche Distanz, nicht zu direkte private Fragen, wenn man sich gerade erst kennenlernt. Den Kindern und Jugendlichen nicht nur ihre Rechte sondern auch ihre Pflichten vermitteln, Konsequenzen deutlicher aufzeigen.

Ich wünsche mir auch, dass die Deutschen die Würde der Frauen nicht als Gegensatz zum Islam verstehen. Das was weder ihr noch wir mögen, ist Respektlosigkeit, die aus patriacharlisch geprägten Kulturen stammt und die fälschlicherweise als religiöses Gebot dargestellt wird.

Was ist das beste, was Migrantinnen für sich tun können?

Bildung! Sprache des Gastlandes schnell und gut lernen. Lesen lernen, wenn man es noch nicht kann. Allein um selber kontrollieren zu können, ob das was mir andere als Vorschrift vermitteln wollen, wirklich so im Qouran steht. Wer nicht lesen kann, bleibt im Dunkeln und abhängig von anderen, muss Leuten auf Gedeih und Verderb vertrauen. Das ist gefährlich.

Apropos gefährlich. Was können wir gemeinsam gegen politische und / oder religiöse Radikalisierung unternehmen?

Das gute deutsche Schulsystem nutzen und als Bildungschance verstehen. Kritikfähigkeit lernen, nicht aufhetzen lassen, den Medien nicht alles in blindem Vertrauen glauben. Den Menschen sehen! Der Charakter macht einen Menschen aus, nicht seine Religion oder sein Äußeres. Und lasst uns vor allem voneinander lernen! Jeder bringt etwas wertvolles mit.

Was kann der Islam deiner Meinung nach Deutschland schenken?

Ich denke, den Zusammenhalt in der Familie. Ihr seid eine sehr freie Gesellschaft. Aber vergesst nicht eure Eltern, wenn sie alt sind. Kümmert euch um eure Kinder, wenn sie euch brauchen. Haltet als Familie zusammen. Niemand steht euch näher, als eure Eltern, Kinder und Geschwister.

Sid Fatin, vielen Dank für deine Gedanken und dieses Gespräch!

Das Interview führte Udo Reichle-Röber
Redaktion Reinfelder-Bote-Online

 

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